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Themen der Analytischen Psychologie

Themen der Analytischen Psychologie (4)

Aktive Imagination

Die Aktive Imagination (lat. activus: treibend, handelnd, tätig; lat. imago: Vorstellung) ist eine von C. G. Jung entwickelte Methode der Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, die mit Selbsterfahrungsprozessen einhergeht und Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht. Es geht darum, innere Bilder aus dem Unbewussten aufsteigen zu lassen, mit ihnen kreativ und schöpferisch umzugehen  und auf diese Weise mit den tieferen Schichten der Seele in Kontakt zu kommen. Die Aktive Imagination ist neben der Arbeit mit Träumen, Symbolen, Märchen und Mythen eine der wesentlichen Methoden der Analytischen Psychologie.

Die Aktive Imagination ist eine freie Imaginationsform ohne Vorgaben oder Leitung durch die Therapeutin, den Therapeuten. C. G. Jung beschrieb ihre Theorie erstmals in seinem Aufsatz über die Transzendente Funktion 1916. Mit dieser tiefenpsychologischen Methode hat er die uralte Idee der Polarität zwischen einem  begrenzten und einem umfassenderen inneren Subjekt, die miteinander in Austausch gehen können, aufgegriffen. Dieses innere Zwiegespräch der Seele mit sich selbst geht weit über das gängige Schema der Selbstreflexion hinaus; aus Jung’scher Sicht ist es ein Austausch zwischen dem Subjekt des Bewusstseins, dem Ich, und einem größeren Subjekt des Unbewussten, dem Archetyp des Selbst.

In der Aktiven Imagination geht es darum, sich aktiv mit Manifestationen des Unbewussten auseinanderzusetzen: Zunächst nimmt das Ich die aus dem Unbewussten auftauchenden Bilder, Fantasien, Geräusche, Gerüche etc. auf und gestaltet dann den weiteren Prozess, indem es mit ihnen in einen handelnden Dialog tritt, z.B. durch das Stellen von Fragen und das Hören auf die dann meist auch folgenden Antworten. Durch diesen aktiven Dialog unterscheidet sich die Aktive Imagination von der passiven oder der geführten Imagination.

C. G. Jung gibt in einem Brief von 1932 eine kurze, eindrückliche Darstellung vom Einstieg in die Aktive Imagination: „Denken Sie sich z.B. eine Fantasie aus und gestalten Sie sie mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden Kräften. Gestalten Sie sie, als wären Sie selbst die Fantasie oder gehörten zu ihr, so wie Sie eine unentrinnbare Lebenssituation gestalten würden. Alle Schwierigkeiten, denen Sie in einer solchen Phantasie begegnen, sind symbolischer Ausdruck für Ihre psychischen Schwierigkeiten; und in dem Maße, wie Sie sie in der Imagination meistern, überwinden Sie sie in Ihrer Psyche“ (Briefe I, S. 145).

1947 schreibt Jung in einem weiteren Brief: „Betrachten Sie das Bild und beobachten Sie genau, wie es sich zu entfalten und zu verändern beginnt. Vermeiden Sie jeden Versuch, es in eine bestimmte Form zu bringen, tun Sie einfach nichts anderes als beobachten, welche Wandlungen spontan eintreten. Jedes seelische Bild, welches Sie auf diese Weise beobachten, wird sich früher oder später umgestalten, und zwar auf Grund einer spontanen Assoziation, die zu einer leichten Veränderung des Bildes führt. Ungeduldiges Springen von einem Thema zum andern ist sorgfältig zu vermeiden. Halten Sie an dem einen von Ihnen gewählten Bild fest und warten Sie, bis es sich von selbst wandelt. Alle diese Wandlungen müssen Sie sorgsam beobachten und müssen schließlich selbst in das Bild hineingehen: Kommt eine Figur vor, die spricht, dann sagen auch Sie, was Sie zu sagen haben, und hören auf das, was er oder sie zu sagen hat. Auf diese Weise können nicht nur Sie Ihr Unbewusstes analysieren, sondern Sie geben dem Unbewussten eine Chance, Sie zu analysieren. Und so schaffen Sie nach und nach eine Einheit von Bewusstsein und Unbewusstem, ohne die es überhaupt keine Individuation gibt“ (Briefe II, S. 76).

Die Aktive Imagination ist somit eine Methode, die dazu dient, seelische Prozesse beobachtbar zu machen. Dabei geht es nicht um ein bloßes intellektuelles Verstehen, sondern um ein Verstehen durch inneres Erleben. Die Aktive Imagination stößt somit seelische Entwicklungs- und Veränderungsprozesse an, und es geht, so C. G. Jung im Vorwort zu „Das Geheimnis der Goldenen Blüte“, um nichts weniger als um „eine Erweiterung, Erhöhung und  Bereicherung der Persönlichkeit“, um das „Jasagen zu sich selber – sich selbst als ernsthafteste Aufgabe sich vorsetzen“ (GW 13, § 24).

Was sind Komplexe?

Komplexe sind im Unbewussten gespeicherte verinnerlichte konflikthafte Erfahrungen in Beziehungen, die mit einer oder mehreren schwierigen Emotionen – z.B. Angst, Wut, Scham – einhergehen, weshalb C. G. Jung auch von „gefühlsbetonten Komplexen“ spricht. Die Konflikterfahrungen wurden meist in der vulnerablen Phase der Kindheit gemacht, in einer Situation, die mit einem starken Gefühl einherging. Diese emotionsgeladenen Komplexe wirken als autonome Komplexe im Unbewussten weiter. Jung bezeichnet sie daher auch als abgesprengte Teilpsychen (GW 8, § 204), die unser Bewusstsein und unsere ganze Aufmerksamkeit bestimmen können. Er schreibt: „Jedermann weiß heutzutage, dass man ‚Komplexe hat‘. Dass aber die Komplexe einen haben, ist weniger bekannt […]. Durch jede Komplexkonstellation wird ein gestörter Bewusstseinszustand gesetzt“ (GW 8, § 200). Wenn im gegenwärtigen Leben Erfahrungen gemacht werden, die diesen früheren Konflikterfahrungen ähneln, reagieren wir komplexhaft, d.h. wir verhalten uns sehr emotional, der aktuellen Situation nicht angemessen, nehmen diese nicht korrekt war, sondern deuten sie im Sinne des Komplexes. Bedeutende Komplexe sind Mutter-, Vater-, Geschwister-, Neid-, Minderwertigkeits- oder Angstkomplex.  

Wenn vergleichbare Erlebnisse im Sinne des Komplexes gedeutet werden, verstärkt dies den Komplex bzw. die Emotion, die mit diesem Komplex verbunden ist. Bei einem Angstkomplex z.B. zeigt sich dies so, dass der betreffende Mensch immer ängstlicher wird. In der Folge werden immer mehr Lebensereignisse komplexhaft eingebunden und erlebt.

Komplexe drängen zur Auseinandersetzung mit Konflikthaftem, Unerledigtem. Sie bewirken einerseits eine Hemmung des Lebens, und zwar dadurch, dass der Mensch emotional überreagiert, nicht der aktuellen Situation angemessen, sondern mit einem lebensgeschichtlich bedingten Überhang. Durch die Abwehr dieser Emotionen entstehen stereotype Verhaltens- und Erlebnisweisen. Als Energiezentren machen Komplexe aber auch die Aktivität des psychischen Lebens aus; in ihnen liegen die „Keime neuer Lebensmöglichkeiten“ (GW 8, § 210). Jung bezeichnet die Komplexe auch als „Brenn- oder Knotenpunkte des seelischen Lebens“, die nicht fehlen dürfen, „weil sonst die seelische Aktivität zu einem fatalen Stillstand käme“ (GW 6, § 925).

Jedes affektgeladene Ereignis, alles, was für uns schmerzhaft ist oder Angst gemacht hat, kann zu einem Komplex werden – nicht nur in der Kindheit, sondern auch noch im späteren Leben. Wenn Themen oder Emotionen, die mit dem Komplex verbunden sind, angesprochen werden, wird das Gesamte der unbewussten Verknüpfungen, d.h. die zur ursprünglichen Konflikterfahrung dazugehörigen Emotionen aus der Lebensgeschichte sowie die daraus resultierenden stereotyp ablaufenden Abwehrstrategien, aktiviert: Der Komplex hat sich „konstelliert“, wie es in der Analytischen Psychologie heißt. Je stärker die Emotion und je größer das zur Konfliktsituation gehörende Bedeutungsassoziationsfeld, desto stärker ist der Komplex, desto mehr werden andere psychische Anteile, insbesondere auch das Ich-Bewusstsein, in den Hintergrund gedrängt. Dies hat zur Folge, dass wir nicht mehr frei entscheiden können, wie wir uns verhalten wollen, wir können unsere Gefühle nicht mehr differenziert wahrnehmen und verhalten uns, wie wir es eigentlich gar nicht wollen. Das sichere Selbstgefühl, das wir normalerweise haben, verlieren wir vorübergehend.

Komplexe zu haben ist völlig normal. Sie sind lebendige Bausteine der unbewussten Psyche und machen unsere psychische Disposition aus. Komplexe sind Ausdruck von Lebensproblemen, die auch zentrale Lebens- und Entwicklungsthemen darstellen. Sie bezeichnen somit die krisenanfälligen Stellen im Individuum.

Hier noch einmal eine Definition des Komplexes von C. G. Jung: „Was ist nun wissenschaftlich gesprochen ein gefühlsbetonter Komplex? Er ist das Bild einer bestimmten psychischen Situation, die lebhaft emotional betont ist und sich zudem als inkompatibel mit der habituellen Bewusstseinslage oder Einstellung erweist. Dieses Bild ist von starker innerer Geschlossenheit, es hat seine eigene Ganzheit und verfügt zudem über einen relativ hohen Grad von Autonomie, d.h., es ist den Bewusstseinsdispositionen nur in geringerem Maße unterworfen“ (GW 8, § 210).

Der Individuationsprozess

Prof. Dr. Verena Kast

Unter dem Individuationsprozess wird der Prozess der dialogischen Auseinandersetzung zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten verstanden. Bewusste und unbewusste Inhalte vereinigen sich in den Symbolen.

Ziel des Individuationsprozesses ist es, dass man zu dem Menschen wird, der man eigentlich ist. „Werde, der du bist“, so sagte schon Pindar, die Idee ist also nicht neu. Aristoteles betonte, dass jedes Erschaffensein sich die nur ihm eigene Gestalt habe, und das Leben soll zu dieser eigenen Gestalt hinführen. Das heißt, dass die Fülle der Lebensmöglichkeiten, die in uns angelegt sind, zu einem großen Teil erlebbar werden, dass sichtbar wird, was in uns – und vielleicht eben nur in uns – angelegt ist.

Maltherapie

Prof. Dr. Dr. Ingrid Riedel

Malen aus dem Unbewussten

Das Schöpferische ist nach Jung das Prinzip, das in der ganzen Schöpfung wirkt, das immer neue Formen und Gestalten hervorbringt, z.B. in der Evolution. An das Schöpferische angeschlossen zu sein, macht den Menschen heil, lässt ihn immer wieder heil werden.[1] Durch Einfälle, Inspiration, Imagination und gerade auch durch das sogenannte „Malen aus dem Unbewussten“, das in der Maltherapie auf der Basis der Analytischen Psychologie C. G. Jungs praktiziert wird, wird das Schöpferische Prinzip lebendig und bewusst: „In creation you are created“[2], sagte Jung einmal in einem seiner englischen Seminare.

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