Kopfzeile C.G. Jung-Gesellschaft Köln e.V.

Gedanken zur gegenwärtigen Situation der Corona-Pandemie

Liebe MitgliederInnen und Freunde der C. G. Jung-Gesellschaft Köln,

wir möchten Ihnen gerne unsere Gedanken und Überlegungen zur gegenwärtigen Situation der Corona-Pandemie vor allem unter tiefenpsychologischen Gesichtspunkten mitteilen und im Hinblick darauf, was diese extreme Krisensituation mit uns psychisch macht oder machen kann, ins Gespräch kommen. Da wir alle Veranstaltungen der Jung-Gesellschaft bis einschließlich Juni absagen mussten, möchten wir gerne ein Diskussionsforum anbieten, in dem wir als Mitglieder und Freunde der Jung-Gesellschaft Köln in Kontakt und im Austausch bleiben können. Demnächst wird dieses Forum auf unserer Homepage für jeden Interessierten erreichbar sein und eine Möglichkeit zur Diskussion bieten.

Der Corona-Virus hat offensichtlich eine alles vereinnahmende individuelle und sozialpsychologische Bedeutung und Wirkung. Die Menschen scheinen sich in diesen Tagen mit nichts anderem zu beschäftigen. Das ist auf der einen Seite in der aktuellen Situation, in der Schulen, Kitas, Universitäten, Geschäfte, Restaurants, Sportveranstaltungen, und unsere Veranstaltungen der C. G Jung-Gesellschaft geschlossen bzw. verschoben oder untersagt sind, verständlich. Diejenigen, die Home-Office machen können, sind privilegiert. Seit dem 22.3. haben wir nun eine Form von Quarantäne: die Welt, wie wir sie kennen, bremst ab und kommt zum Erliegen.

Als erstes möchten wir unsere Anteilnahme mit all jenen ausdrücken, die jetzt in besonderer Weise von dieser Krise betroffen sind: Wir denken vor allem an die vielen alten Menschen, die in Altenheimen leben und denen der Kontakt mit ihren Angehörigen jetzt erschwert ist. Viele Angehörige sorgen sich um ihre alten Eltern, Väter und Mütter, die in zunehmende Isolation und Quarantäne geraten sind. Und es gibt viele Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in prekären Verhältnisse leben und um ihre Gesundheit, Sicherheit und Zukunft bangen.

Uns stellen sich viele Fragen und wir nehmen an, dass es fast allen so geht: Welche Auswirkungen hat diese Situation auf unser Zusammenleben? Was löst die erzwungene, von außen diktierte große Ruhe in unserem Alltag jetzt aus? Wir sagen uns selbst, wir sollten zu Hause bleiben. Die Menschen gehen sich in den Geschäften und in der Natur aus dem Weg. Das sogenannte social distancing ist eine völlig neue Form der Gestaltung der Beziehungen in unserer Gesellschaft.  Der Planungshorizont und unser Bewusstsein sind jetzt auf die häuslichen vier Wände oder die nähere Umgebung beschränkt und sie reichen auch nur noch wenige Tage in die Zukunft. Und im nächsten Moment kann schon alles wieder anders sein, vielleicht noch schlimmer. Dabei ist unser Sicherheitsgefühl an eine erwartbare Zukunft geknüpft.  Wie gehen wir psychologisch damit um, isolierter zu leben, wenn auf der anderen Seite immer wieder Berichte aufkommen, die diese Isolation und Sperrmaßnahmen als „nutzlos“, „selbstzerstörerisch“ und als „kollektiven Selbstmord“ bezeichnen. In unserer Sprache hat sich das Wort vom lock-down eingebürgert, das zugleich ganz verwandt ist mit dem locked-in-Syndrom, also einem Zustand, den wir uns mitunter als einen der schlimmsten Zustände, in denen ein Mensch sein kann, vorstellen.

Wir alle haben unsere Fremdbestimmungen. Termine diktieren normalerweise den Ablauf unserer Tage. Jetzt brechen Verpflichtungen, Verabredungen, gewohnte Ordnungen weg. Es ist zu einer Destrukturierung unseres Alltags für viele Menschen gekommen. Das kann massive Irritationen erzeugen bis hin zu Grübelzwang, zunehmenden Ängsten, Depressionen und suizidalen Gedanken.

Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die jetzt in vorderster Front arbeiten wollen und müssen: Ärzte, Pfleger, Sanitäter, Polizisten, die vielen Menschen in der Lebensmittelversorgung, die Zulieferer, die Apotheker- sie alle müssen arbeiten und wir brauchen sie. Dabei müssen wir dennoch über das jetzt häufig benutzte Wort „systemrelevant“ nachdenken. Was soll sich in der Zukunft für diese Menschen verändern? Aber auch die nicht „systemrelevanten“ Menschen gilt es weiterhin zu beachten.

Für die anderen, die eine erzwungene, aufdiktierte Ruhe haben, gäbe es aber auch die Möglichkeit, diese Situation „zu genießen“ und „sie sich zunutze zu machen“. Wir können bedingt Andere unterstützen. Vor allem sollten wir auch schauen, was mit uns passiert, was mit der Art und Weise geschieht, wie wir leben und die Welt wahrnehmen. Wir sollten darauf achten, dass wir die Struktur in einer anderen Form in unserem Tag aufrechterhalten. Vielleicht beginnen wir jetzt damit, unseren Alltag neu und einfacher zu strukturieren und zu gestalten. Das könnte uns guttun, innezuhalten. Es setzt voraus, dass wir uns nicht sofort selbst wieder unter Zwang setzen, neue To-Do- Listen zu erstellen und abzuarbeiten, auf die wir alles schieben, was die letzten Jahre zu Hause so liegen blieb. Und es setzt voraus, dass wir nicht einfach die hohe Geschwindigkeit des digitalen Lebens unseren Alltag bestimmen lassen.

Diese Art von erzwungener Entschleunigung birgt die Chance, das auszubilden, was der Soziologe Hartmut Rosa eine Resonanzhaltung nennt. Resonanz beschreibt die Bereitschaft und Fähigkeit, mit der Welt wieder ernsthaft in Kontakt zu treten: uns selbst und die Umwelt um uns herum wieder mehr wahrzunehmen, ohne gleich auf einen bestimmten Output, eine Optimierung, ein Ergebnis zu zielen.

In Kontakt treten ist nicht nur auf Menschen bezogen. Man kann auch mit Dingen in Kontakt treten. Oder mit der Natur, dem eigenen Körper, der eigenen Biografie.

Auf jeden Fall wird es nur eine geborgte, gestundete Zeit, die wir irgendwann zurückzahlen müssen. Aber das sollte uns nicht davon abhalten, diese Situation auch als Chance zu begreifen.

Vor allem geht es auch um die sich immer weiter ausbreitende Angst und Panik des Einzelnen, die durch Presse und vor allem die digitalen Medien verstärkt wird.

Dazu folgende Fragen:

- Könnte es sein, dass neben der realen materiellen Gefahr, die von diesem Virus ausgeht, es auch eine mentale Gefahr gibt, die mit diesem Virus in Verbindung zu sehen ist? 

- Könnte es ein, dass dieser Virus, der wahrscheinlich von einem chinesischen Markt, auf dem auch Wildtiere verkauft worden sind, herkommt, sich hervorragend als Projektionsfläche eignet. Der Virus ist unbekannt, neu, unerforscht, extrem schnell sich verbreitend, stammt möglicherweise von einer Fledermaus (die Dracula-These), ist unheimlich, unkontrollierbar.

- Gerade weil der Corona-Virus (wie übrigens jeder Virus mutiert auch der Corona-Virus, das ist die Lebensbedingung für Viren) so unspezifisch und unberechenbar zu sein scheint, eignet er sich als Projektionsträger für viele Ängste:

  • paranoide Ängste: Die Natur schlägt zurück, weil der Mensch die Natur missachtet und missbraucht hat. Die Natur verfolgt und bestraft uns jetzt dafür. (In der „pathologischen“ Verarbeitung der Weltzerstörung, die wir Menschen betreiben und die zu einer Selbstzerstörung der Menschen führen kann, wird der Zusammenhang verkannt und als Bestrafung phantasiert; die Natur bestraft aber nicht, denn die Natur hat keine Absicht und keinen Willen, die Natur evolutioniert sich einfach weiter, auch wenn die Menschen verschwunden sein sollten - das wird der Natur egal sein - falls sie ein Gefühl haben sollte).
  • depressive Ängste (Wir Menschen sind schuld an unserem Unglück)
  • hysterische Ängste (Diese Ängste werden momentan von morgens bis abends auf allen Kanälen der Medien bedient)
  • zwangsneurotische Ängste (Die Menschen schließen sich selbst ein, kommen mit Handschuhen und fassen keine Türklinken mehr an, kaufen wie verrückt Toilettenpapier!)
  • schizoide Ängste (Diese Ängste werden jetzt von den Notwendigkeiten des social distancing bedient)
  • Katastrophenängsten (Klimawandel, Handelskrieg, Untergangsphantasien aller Art: die Menschheit am Ende aller Zeiten)
  • Kontrollverlustängste, hypochondrische Ängste, Selbstverlustängste
  • Verzweiflung und Verlassenheitsgefühle, weil es in unserer Gesellschaft keine Solidarität mehr gab, die jetzt in einem überkompensatorischen Reflex beschworen wird: plötzlich nehmen angeblich alle Rücksicht auf die Vorerkrankten, Schwachen und Alten - nachdem wir seit Jahrzehnten die Schwachen und Kranken und Alten vernachlässigt haben und in Heime angeschoben haben, weil dieses gesellschaftliche System familiären Zusammenhalt nicht mehr gebrauchen kann. 

Die Unheimlichkeit des Virus bedroht unsere Sicherheit, unser Selbstverständnis, unsere Zukunftsgewissheit und erzeugt größte Ängste, die wiederum zu massiven regressiven Spaltungen und einer moralischen Rigidität führen können. Abwägen von Ambivalenzen scheint kein Gebot eines vernünftigen Denkens mehr zu sein, sondern es wird allzu oft mit dem Hammer argumentiert: Jetzt muß zugeschlagen werden, um den Feind mit der Bazooka zu erledigen. Das scheint auch dazu zu führen, dass der starke Mann, der nicht zögernde politische Herrscher wieder Konjunktur hat. Uns macht an dieser Stelle Sorge, dass abwägendes und differenzierendes Denken als Zaudern und Zögern, nicht aber als Gebrauch der menschlichen Vernunft angesehen wird.

Es kommt uns so vor, als ob dieser Virus und unser gesellschaftlicher Umgang damit wie ein Ventil wirkt für verschüttete und verdrängte Ängste, die tief eingegraben und eingeschrieben sind in die Psyche des modernen Menschen.

Könnten wir nicht auch mal Folgendes bedenken: jahrzehntelang wurde in allen gesundheits- und sozialpolitischen Bereichen gespart und privatisiert, es sind unzählige Krankenhäuser geschlossen worden und nun sollen Hotelbetten als Ersatzkrankenhäuer umfunktioniert werden. Das unterminiert unser Vertrauen in diese Wirtschaftspolitik, in dieses kapitalistische System vollständig. Ich meine, dass dieses System nicht in der Lage ist, mit den Herausforderungen, vor denen die Menschen stehen, vernünftig und vorrausehend umzugehen. Wir können die Sorge vieler verantwortlicher Politiker, die sie zurzeit vorgeben, auch nur noch schwer ernst nehmen, nachdem sie jahrzehntelang dem Ausverkauf des Subsidiaritätsprinzip und der Infrastruktur so massiv zugestimmt haben.

Man vergleiche bitte jetzt die Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten, die jetzt gehen, aber beim Klimawandelproblem nicht gehen, oder:  3000 Tote auf den Autobahnen führen nicht dazu, die Geschwindigkeit zu begrenzen, geschweige denn, die Autobahnen zu schließen. Aber 30 Tote zu Beginn der Krise brachten das Land zum Stillstand. Diese Widersprüche sind doch schwer zusammen zu denken. Wir meinen, hier eine Irrationalität wahrzunehmen, für die die geeigneten Worte zur Beschreibung noch fehlen.

Es drängt sich auch die Sorge um den Zustand der Demokratie auf. Wenn sich die vielen Einschränkungen des Alltags über längere Zeit hinziehen, ist die Freiheit und der liberale Rechtsstaat in Gefahr. Vor allem wenn, wie jetzt aktuell, technische Überwachungsmöglichkeiten ins Spiel gebracht werden. Das wäre rechtlich in Ordnung, solange es freiwillig ist und man anonym bleibt. Sollte ein solches datenbasierte Modell zwangsweise eingeführt werden, dann zeigt sich damit die Tendenz zu einem totalen Überwachungsstaat, von den Gefahren für die Datensicherheit einmal ganz abgesehen. Müsste hier nicht über weniger gravierende Eingriffe nachgedacht werden?

Nachdem am Gesundheitssystem in den letzten Jahren sträflich gespart wurde und die genügende Vorhaltung von lebenswichtigen medizinischen Produkten wie Atemschutzmasken und Schutzkittel trotz vorliegender Gesetze in Deutschland nicht eingehalten wurde, wird jetzt angesichts eines kollabierenden Gesundheitssystems das Thema der Triage aktuell. Solche Szenarien sind sonst auf Kriege und Katastrophen beschränkt, nun werden sie in der Corona Pandemie aktuell. Die Metapher des Krieges wird auffällig oft von vielen Politikern für diese Pandemie Situation benutzt.

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv und Notfallmedizin hat aktuell Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der Covid-19 Pandemie herausgegeben, für den Fall, dass die Kapazität des Gesundheitswesens nicht ausreicht. Jede Triage-Entscheidung ist tragisch. Bei der Frage: wer darf überleben, nach welchen Prinzipien sollen Ärzte im Krisenfall entscheiden, kommen wir nahe an die gefährliche Überlegung, welches Leben ist lebenswert und welches Leben nicht.

Insgesamt scheint die Geschwindigkeit, mit der sich das Virus in Deutschland ausbreitet, zuletzt deutlich zurückgegangen zu sein. Wie gehen wir damit um, wenn sich die Epidemie in den Entwicklungs- und Schwellenländern wie auf dem afrikanischen Kontinent oder in Indien ausbreiten? Schon innerhalb Europas gab es konträre Meinungen bezüglich der gegenseitigen Hilfe.

Wichtig erscheint uns, dass wir versuchen, trotz der vielen offenen Fragen, uns miteinander auszutauschen. Es ist auch die erste Möglichkeit der Angstbewältigung in einer solchen bislang für uns nicht gekannten Krise.

Daher möchten wir unser Forum einrichten. Bitte beachten Sie unsere Homepage, auf der demnächst wir unser Forum einrichten werden. Dort wird es dann Möglichkeiten geben, sich auszutauschen und in Diskussion miteinander zu kommen.

Wir wünschen Ihnen allen, dass Sie gesund bleiben oder wieder werden und es uns gelingt, solidarisch miteinander durch diese schwere Zeit zu kommen.

Ihre

Susanne Gabriel, 1. Vorsitzende der C. G. Jung-Gesellschaft Köln
Thomas Schwind, 2. Vorsitzender der C. G. Jung-Gesellschaft Köln

Resilienz fördern in Krisenzeiten

 

Prof. Dr. Brigitte Dorst

 

Was ist Resilienz?

Resilienz kann als eine Art psychisches Immunsystem verstanden werden. Das Wort „Resilienz“ kommt vom lateinischen resilire, zurückspringen, abprallen. Im Bereich der Physik bezeichnet dieser Begriff die Elastizität eines Materials unter der Einwirkung von Druck und Belastung. In der deutschen Sprache gibt es kein entsprechendes Wort für Resilienz. Es hat zu tun mit Stärke und Flexibilität; für manche Bereiche können wir auch von Krisenkompetenz sprechen und meinen damit die Fähigkeiten, mit seelischen Belastungssituationen und traumatischen Erfahrungen so umzugehen, dass die Spannungen ausbalanciert und die entstandenen Probleme bewältigt werden können.

Resilienz bedeutet nicht, zum „Stehaufmännchen“ zu werden, das, nachdem es niedergedrückt wurde, reflexhaft wieder hochschnellt. Es geht vielmehr darum zu lernen, verständnisvoller, fürsorglicher und kompetenter mit sich selbst umzugehen. Das Ziel ist nicht, sich unter Selbstoptimierungsdruck zu setzen – im Gegenteil: Es geht darum, mit mehr Gelassenheit und weniger Anspan­nung die täglichen Anforderungen des Lebens anzunehmen und auch Krisen und besondere Belastungssituationen besser zu bestehen und daran zu wachsen.

Ein besonders wichtiger Bestandteil der Resilienz ist die Einstellung, sich selbst nicht einfach als Opfer ungünstiger Umstände oder des Schicksals zu sehen, sondern die Überzeugung zu haben, das eigene Leben positiv beeinflussen und gestalten zu können. Diese sogenannte Selbstwirksamkeit gilt auch für Menschen, die traumatische Erfahrungen machen mussten: Nicht jeder Betroffene leidet nach einem Trauma an posttraumatischen Belastungsstörungen.

 

Resilienz fördernde Grundhaltungen

Im Zusammenhang mit Resilienz sind einige Grundhaltungen und Lebenseinstellungen besonders wichtig. Es sind: Selbstakzeptanz, Hoffnung, Selbstwirksamkeit, gute Selbstsorge, Gelassenheit, Humor und Spiritualität.

Selbstakzeptanz kommt zum Ausdruck in einem liebevollen, achtsamen Umgang mit sich selbst. Dazu gehört das Beachten der Grundbedürfnisse, vor allem auch der Bedürfnisse des Körpers nach sinnvollen Lebensrhythmen, nach guter Ernährung, nach Sicherheit, nach Aktivität und Bewegung ebenso wie nach Ruhe und Entspannung. Wesentlich ist auch das Beachten der geistigen Bedürfnisse nach Lernen, Information und geistigen Anregungen, nach altersgemäßer Entwicklung, nach Werten und Orientierung im moralisch-ethischen Bereich. Ebenso wollen Bedürfnisse nach Sinn und Spiritualität wahrgenommen und gelebt werden.

Hoffnung als Grundhaltung ist nichts Ober­flächliches, bedeutet nicht ein „Alles ist doch nicht so schlimm“, sondern ein „Auch wenn es schlimm ist“ – genau in dieser Situation bleibt eine Hoffnung auf Verbesserung und Änderung. Eine positive, optimistische Haltung vermag auch im Schwierigen und Schlechten noch nach dem möglichen Guten zu suchen – mit der Kraft der Hoffnung, die Sinn darin sieht, sich aktiv um Veränderung zu bemühen.

Das Konzept der Selbstwirksamkeit bezeichnet die Erwartung, die wir in Bezug auf die Wirksamkeit unseres Handelns haben. Ein handelnder Mensch, eine wirkende Kraft zu sein, heißt, durch eigenes Tun Dinge absichtsvoll geschehen zu lassen. Selbstwirksamkeit ist eine optimistische Einschätzung der eigenen Lebensbewältigungskompetenz, ein Bewusstsein mit den eigenen Fähigkeiten die jeweiligen Anforderungen und Aufgaben bewältigen zu können.

Gute Selbstsorge umfasst alle Bereiche des Lebens: die Beziehung zu sich selbst, die Arbeit, Beziehungen zu anderen Menschen und auch die Sorge um sie sowie das politische Handeln. Gute Selbstsorge meint gerade nicht den egoistischen Rückzug in eine Wellness-Ich-AG. Indem ich mich mit mir selbst beschäftige, werde ich auch fähig, mich mit anderen zu beschäftigen. Weil ich gut für mich sorge, bin ich auch bereit, mich um andere zu kümmern.

Gelassenheit ist eine Lebenshaltung, die einzuüben ist. Sie hat nichts zu tun mit Gleichgültigkeit, Resignation oder Apathie. Ein Mensch, den diese Tugend auszeichnet, nimmt Anteil an allem, aber ohne sich zu verwickeln. Im Wort „Gelassenheit“ steckt das „Lassen“: Menschen, Dinge, Situationen lassen zu können, ohne durch Zwang etwas „machen“ zu müssen. Gelassenheit ermöglicht auch, sich mit Erinnerungen an bestandene Schwierigkeiten und Krisen zu ermutigen.

Nicht zu unterschätzen ist die entspannende und Resilienz fördernde Wirkung von Humor. Humor ist eine heitere Reaktion auf etwas Komisches, Witziges oder Absurdes, Misslungenes. Gemeinsam über etwas lachen zu können, schafft Verbindung und Gemeinschaft. Bereits ein Lächeln vermag Stress-Symptome zu reduzieren. Humor stärkt das Wohlbefinden und eine optimistische Haltung zum Leben.

Spiritualität ist eine geistige Orientierung, die religions- und konfessions­übergreifend ist. Sie bezieht sich auf Wert- und Sinnfragen und geht mit verschiedenen Formen der meditativen oder religiösen Praxis einher. Besonders in Krisenzeiten ist es hilfreich, sich mit einer höheren Kraft, einem größeren Ganzen zu verbinden und sich als einen Teil zu sehen von dem, was alles umfasst.

 

Resilienz fördern mit Symbolen

Aus tiefenpsychologischer Sicht bedeutet Resilienz, mit Hilfe von Phantasie, Imagination und Intuition Zugang zu inneren Kraftquellen zu finden, um die seelische Gesundheit zu stärken und Kräfte der Heilung zu aktivieren. Besonders in den tiefenpsychologisch ausgerichteten Therapie­formen arbeiten wir mit heilsamen inneren Bildern. Es gibt innere Bilder, die als Symbol spezifische Wirkungen haben; sie können tröstend, beruhigend, entlastend, Halt gebend sein, d.h. eine ichstabilisierende Wirkung haben. Symbole können helfen, mit sich und der Welt wieder in Einklang zu kommen.

Ein lebendiges Symbol wirkt heilsam und anregend aus sich heraus, um es aber in seiner ganzen Wirkung zu entfalten, ist es wichtig, seinen Sinn und seine Bedeutung zu erschließen, sodass eine Integration des Symbols in das Bewusstsein und in die jeweilige Lebenssituation möglich wird. So wird das Symbol zu einer Botschaft, die dem Denken, Fühlen und Erleben neue, erweiterte Perspektiven hinzufügt. Das Sich-Einlassen auf Symbole kann Hinweise zur Orientierung bieten und kreative und schöpferische Kräfte zur Selbsterkenntnis und Krisenbewältigung anregen. Es stärkt auf diese Weise die Resilienz.

Sich selbst im Spiegel eines Symbols wiederzuentdecken oder ein persönliches Problem deutlicher fassen zu können, kann gerade in Krisensituationen, wenn das klare Nachdenken erschwert ist, eine besondere Form von Hilfe sein.

  1. G. Jung verweist immer wieder darauf, dass die Botschaften des Unbewussten in seiner symbolischen Sprache dazu einladen, mit sich selbst zu experimentieren, Neues auszuprobieren, aus Erstarrungen wieder in den Fluss des Lebens zu kommen und so schöpferisch die eigene Existenz zu gestalten. Mit Hilfe der Symbole können wir lernen, die Anforderungen, die das Leben uns stellt, anzunehmen und zu bestehen.

Vieles kann für Menschen in schwierigen Zeiten zum Symbol der Hoffnung werden und als inneres Bild Kräfte der Resilienz wecken: ein Sonnenaufgang, der Wechsel von Ebbe und Flut am Meer, der Regenbogen nach einem Gewitter, die Farbe Grün. Hoffnung verlangt nach aktivem Tun, wie schon die Sprache zeigt: Hoffnung will „geweckt“, „genährt“, „geschöpft“ werden, damit ein Mensch wieder beginnen kann, sich „Hoffnung zu machen“. Dann können auch die schöpferischen Kräfte von Phantasie und Imagination wieder zu Hilfe kommen, um Wege und Auswege aus der Krise zu finden.

 

Auszug aus: Brigitte Dorst: Resilienz. Seelische Widerstandskräfte stärken.                  2. Auflage. © Patmos Verlag, Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Ostfildern, 2018. www.verlagsgruppe-patmos.de

 

((https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/resilienz-010632.html))

 

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