Kopfzeile C.G. Jung-Gesellschaft Köln e.V.

03 Sep

Nachruf für Gisela Rieß

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Interessierte der C. G. Jung-Gesellschaft Köln,

wir, der Vorstand, müssen der traurigen Pflicht nachkommen, Ihnen, liebe Mitglieder und FreundInnen der C. G. Jung-Gesellschaft Köln, den Tod von Gisela Rieß mitzuteilen. 
Sie verstarb, unerwartet schnell, am 9. August auf der Palliativstation der Kölner Universitätsklinik, innerlich zufrieden, da angeschlossen an ihre inneren Kräfte, in gesegneter Hingabe, wie die ihr vertrauten Begleiter berichteten.

An die Abschiedsfeier, die am Samstag, dem 20. August 2016 in Köln-Rodenkirchen stattfand, schloss sich, auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin, ein Erinnerungsfest an. Dabei zitierte ihr Neffe das Vermächtnis von Frau Rieß: 

„Ich fühle mich jetzt ungemein gut geborgen und bin dankbar für die einundachtzig Jahre, die ich als Geschenk ansehe.“

In diesem Sinne lassen wir in dem folgenden Nachruf auf Gisela Rieß ihren Geist der Akzeptanz  walten und wollen uns an sie erinnern:

Aus der Traueranzeige:
... wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten.
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen
Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten ...
(aus "Stufen" von Herrmann Hesse)

Gisela Rieß
* 25.6.1935  † 9.8.2016
Nach einem erfüllten Leben hat sich der Kreis geschlossen.

 

Würdigung ihres Werdegangs

Gisela Rieß war eine besondere Frau, scheu, bescheiden, innerlich gesammelt und gleichzeitig klar, bewusst, mutig entschlossen ihren Schicksalsweg zu gehen. Es ging ihr immer um Entwicklung, darum, sowohl die eigene seelische als auch geistige Lebensaufgabe zu erfüllen, als auch dem Anderen, dem Du, sein ganz persönliches Werden und Sein zu lassen. Selbst, wenn sie dafür geliebte Menschen loslassen musste, wie ihren Lebenspartner.

Jetzt die Lebensstationen und berufliche Titel von Frau Rieß tabellarisch aufzulisten, würde ihrem Geist und Anliegen nicht gerecht, ging es ihr doch in erster Linie darum, ihre Berufung zu leben, also der inneren Notwendigkeit zu dienen. Dann lässt sich beruflich und privat nicht wirklich trennen. Dabei wurde sie schon früh intuitiv über ihre Träume geleitet. Unter diesem Aspekt werden die nicht alltäglichen Stationen ihres reichhaltigen Lebensweges spürbar verständlich:

Als junge Frau ging Gisela Rieß mit Ihrem Mann nach Afrika. Dort wirkte er als Pfarrer, sie wurde Mutter dreier Kinder. Dann fühlte sie sich gerufen mit ihren Kindern nach Deutschland zurückzugehen, in der Gewissheit, dass hier der Lebensort für sie vier wartete. Ihr Mann hingegen wollte weiter in Afrika wirken.

So zog sie alleine mit den drei kleinen Kindern nach Mainz, studierte Psychologie und erwarb anschließend ihr zweites Diplom als analytische Psychologin am C. G. Jung-Institut Zürich, bei Verena Kast. Damit war die Basis geschaffen, ihre hohe Begabung, intuitiv das Zusammenwirken verschiedener Dimensionen zu erfassen, auch zu ihrem „Traum-Beruf“ zu machen.

Ab 1976 arbeitete sie zehn Jahre lang als Klinische Psychologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marburg. Danach, bis 2004, als Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis in Marburg mit den Schwerpunkten: Analytische Psychologie (C. G. Jung), Transpersonale Psychologie, Bewusstseinsarbeit, spirituelle Begleitung und Supervision.

Zusätzlich entwickelte sich in diesen Jahren auch ihre Seminartätigkeit: Sie wirkte als Dozentin an der Psychotherapie-Weiterbildungsstätte für Psychosomatik-Psychiatrie in Marburg, Kassel und Gießen und beteiligte sich als Dozentin für Traumseminare bei der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie in Lindau und Bad Wildungen. 
1999 begann Gisela Rieß regelmäßig in der C. G. Jung-Gesellschaft Köln Traumseminare und Fortbildungen in Analytischer Psychologie und Traumarbeit zu geben.

Ihre Berufung und ihr Wirken

Vorab soll eine Anekdote, stellvertretend für ihr zuverlässiges Gespür für den Kairos, für den rechten Augenblick, für Ihre verlässliche Intuition stehen: Anfang  2004, also mit neunundsechzig Jahren, wagte Gisela Rieß einen Neuanfang in Köln. Dafür informierte sie sich zuerst über Köln und beschloss für sich in Rodenkirchen, direkt am Rhein, wohnen zu wollen. Dann kaufte sie sich in Marburg e i n e Kölner Zeitung, meldete sich auf  e i n e Wohnungsannonce – und zog im Sommer in diese Wohnung in Köln-Rodenkirchen ein.

So klar Ihre Begabung für Intuition und Imagination waren, so eindeutig ist die Tatsache, dass Träume die Hauptrolle im Wirken von Gisela Rieß spielten. Sie bezeichnete ihre Art als „Intuitive Traumarbeit“ und schrieb darüber: „Mein Hauptwerkzeug für mich, ist die Arbeit mit Träumen. Sie dienen mir als Medium zur Verbindung mit dem Energiefeld und der Seelenebene des Träumenden und der geistigen Welt, die sich darin offenbaren kann. Träume sind ein Ausdruck der innersten Absicht des Höheren Selbst.“

Sie schrieb auch ein kleines Buch, antiquarisch mit Glück noch zu bekommen: "Traumbild Feuer". Von der elemantaren Wandlungskraft. Träume als Wegweiser.

Gisela Rieß war in ihrer Traum- und Symbolarbeit eine wahre Meisterin.
Sie hat bei jedem Traum, bei jeder Fragestellung – ohne über Hindernisse hinwegzugehen – doch immer den wachstumsorientierten Ausgang gesehen. Frau Rieß sah immer die Chance zur Entwicklung. Sie stellte die Verbindung zu dem Traumerzähler her, erfasste Hintergründe, griff Naheliegendes auf, verdeutlichte, bündelte und spiegelte Möglichkeiten, so dass einem gar nichts anderes übrig blieb, als wieder neugierig auf sich selbst zu werden. Bevor man sich versah, war die Eigeninitiative gelockt und die eigene Entscheidungsmöglichkeit wiederentdeckt.

Ohne jede Spur von Moral, vermittelte Frau Rieß ihre Anschauung, dass „der Traum einen Aufforderungscharakter hat“.  Damit hat sie so vielen Menschen geholfen ihren Lebenssinn zu finden und den Mut zu entwickeln, diesen auch zu gehen. Auf Anfrage hat sie jeden ‚Suchenden‘ mütterlich geduldig begleitet, den Rücken gestärkt, aber auch immer wieder energisch-wohlwollend  eingefordert: entscheide Dich!

Sie hat sich oder ihre Ansichten nie aufgedrängt. Ist nie gegen eine andere Meinung angegangen. Aber wenn sie gefragt wurde, dann konnte sie unerschöpflich Tatsachen aus den verschiedensten Dimensionen sprechen lassen. So klar wie Gisela in ihrem Ich-Bewusstsein war, so selbstverständlich sie mit allem was menschlich ist an Fehlern und Schwächen, Stärken und Schönheiten umging, so vertrauens- und hingebungsvoll konnte sie sich gleichzeitig den inneren Selbst-Kräften anheimstellen. 

Mit ihrer Wahrhaftigkeit konnte sie die Tiefe ausloten und scheute sich nicht, sich auch auf das höhere Bewusstsein einzulassen. Mit ihrer außergewöhnlichen  Spannweite an Kreativität  war sie immer präsent für das, was sie zu geben hatte: Jedem, der es wollte, Mut zu machen sich auf sein Selbst, auf seinen ureigensten Seelenplan einzulassen, und den Individuationsprozess  zu unterstützen.

Jetzt muss ich nicht enden und sagen, dass wir dich, liebe Gisela Rieß vermissen, sondern darf sagen: Der Zugang zum Raum der Erinnerungen, der Imaginationen, der Träume steht offen.

Ein Leben – wie eine Rose ihre Blätter entwickelt und entfaltet – um zu blühen und zu strahlen – anderen Lebewesen Nektar bereit zu stellen – sich des Verblühens als Konsequenz bewusst – bereit, das notwendige Opfer des Sterbens mitzuleben.
Danke Gisela.

Im Namen des Vorstandes, Cornelia Ehrlich,  3. September 2016

Gelesen 2358 mal Letzte Änderung am Montag, 15 April 2019 11:18

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