Frida Kahlo: Licht und Dunkelheit
von Kathrin Asper
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit den Bildern von Frida Kahlo. Zunächst fand ich sie kurios und erkannte nicht, was sie zu sagen haben. Manche sprachen mich in ihrer Schönheit an, und bei vielen war der Leidensbotschaft nicht auszuweichen, so direkt und frontal bewegen sich die Bildinhalte mit stummer Gewalt auf den Betrachter zu.
Frida Kahlo (1907-1954) ist die bekannteste Malerin Mexikos des 20. Jahrhunderts. Sie war verheiratet mit dem Maler und Muralisten Diego Rivera, der seinerzeit internationale Beachtung fand.
Kahlo stammt von einem gebildeten deutsch-jüdischen Vater ab, der Fotograf war und als erster Mexikos Landschaften und Bauten mit der Kamera festhielt. Mütterlicherseits ist sie indianischer und spanischer Herkunft.
Frühe Erkrankung und ein schwerer Unfall mit 18 Jahren bestimmten ihren Lebensweg auf einschneidende Weise.
Zusammen mit Diego gehörte sie der kommunistischen Partei an. Angeregt durch die mexikanische Revolution und die damit verbundenen nationalen Erneuerung setzten sie sich für mexikanisches und aztekisches Kulturgut ein und sammelten es. Beide gaben sich in ihrer Lebensart sehr mexikanisch. Ihre lange, stürmische Beziehung ist im weitgehend auf Dokumenten beruhenden Film Frida mit Salma Hayek sehr gut dargestellt. |
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Eines ihrer Bilder, das in der Ausstellung in der Fondation Gianadda in Martigny (1998) zu sehen war, beschäftigte mich besonders: eine Bleistiftskizze der liegenden Frida, bei der in der linken oberen Ecke die Unterschrift der Künstlerin und das Jahr 1935 stehen. Mitten durch den Schriftzug geht ein Riss, täuschend ähnlich einem Riss im Papier und eben doch: gezeichnet! Eine Ahnung von Fridas Botschaft ging mir durch den Sinn: Möglicherweise spricht ihr Werk von den erlebten Einschnitten ins Leben, vom gerissenen Lebensfaden? .
Frida Kahlos Bilder zeigen fast alle gegensätzliche Kräfte: Schönheit und Schrecken, Licht und Dunkelheit, Zartheit und Brutalität, Tod und Leben. Sieht man sie sich wieder und wieder an, greift man ein Detail heraus und schaut, wo es sonst noch vorkommt, so wird eine Thematik deutlich, die wie ein roter Faden das ganze Werk durchzieht. Es ist eine Botschaft, die weit über die Auseinandersetzung mit dem Leiden hinausgeht und das (spirituelle oder einende) seelische Ereignis widerspiegelt, welches Frida erlaubte, neben das Dunkel die lichte Seite des Daseins zu halten, die Gegensätze auszubalancieren und mittels der Kunst zu einer neuen Identität auf der Leinwand zu finden.
Dazu macht sie Anleihen und findet überpersönliche, archetypische Folien für ihre Erfahrungen, eignet sie sich an und bettet das Persönliche in sie hinein. Zwei Quellen treten deutlich hervor: die christlich-katholische und die mexikanische. Für ihr Leiden findet Frida zum Beispiel in der Passion Christi Bilder, die es in einen größeren Zusammenhang stellen. Das abgebildete Selbstportrait mit Dornenhalsband (GW 76) ist ein charakteristisches Beispiel der mehr als 70 Selbstbildnisse, die Frida malte. Auffallend ist die strahlende Schönheit Fridas, ihre Würde und der Aufforderungscharakter des Bildes, als ob das Gesicht sagen würde: Sieh mich an! Und tut man dies und schaut genauer hin, sieht man die Dornenhalskette - ein Hinweis auf die Dornenkrone Christi. An der Halskette hängt ein toter Kolibri. Der Kolibri symbolisiert die Liebe. Tot verweist er auf die Vergänglichkeit der Liebe, eine schmerzliche Tatsache, die Fridas Leben als weiteres Leiden belastete. Weiter fallen die abgestorbenen Blätter im Hintergrund auf, die auf die Todesnähe in Fridas Erleben verweisen. Die Schmetterlinge in ihrer Haartracht können schließlich als Todeswunsch verstanden werden, ist doch der Schmetterling ein Symbol der Seele, die den Leib verlässt.
Frida Kahlos Leben war von Anfang an ein gezeichnetes Leben, das Erfahrungen von Trennung, Krankheit, Behinderung und wiederholtes Verlassenwerden durch ihren Mann, Diego Rivera, mit einschloss:
Ihre Mutter erkrankte nach der Geburt und Frida musste von ihr getrennt und einer Amme übergeben werden. Sechsjährig erkrankte sie an Polio und war monatelang ans Bett gefesselt. Sie erholte sich, doch ein Bein blieb kürzer und atrophisch. Mit 18 Jahren erlitt sie einen brutalen Unfall im Bus, der von einer Straßenbahn gerammt wurde. Frida war die am schlimmsten verletzte Person: Eine Eisenstange durchbohrte ihren Rücken und kam im Unterleib wieder heraus, verletzte innere Organe und das Rückgrat; außerdem erlitt sie noch verschiedene Knochenbrüche. Von da an war Fridas Leben von den schweren Folgen des Unfalls bestimmt, über dreißig Operationen waren in den Jahren bis zu ihrem Tod mit 47 Jahren notwendig; große Schmerzen, körperliche Behinderung und lange Perioden der Bettlägerigkeit gehörten fortan zu ihrem Leben. Der Unfall - ein seelischer, beruflicher und körperlicher Schnitt - zerriss die Kontinuität der Welt für sie. In einem Brief schreibt sie darüber:
Aber wenn Du wüsstest, wie schrecklich es ist, plötzlich zu wissen - gleichsam als würde die Welt von einem Blitz erleuchtet. Jetzt lebe ich in einem schmerzvollen Planeten, durchsichtig wie Eis; aber es ist, wie wenn ich auf einmal innerhalb einer Sekunde gelernt hätte. Meine Freundinnen sind langsam zu Frauen herangereift, ich dagegen wurde alt in einem Nu [...] .
Frida, die Ärztin werden wollte, fand sich im Gipskorsett ans Bett gefesselt und begann zu malen. Sie malte ihre Erfahrung, das, was sie in Innenwelt und Außenwelt erlebte, und stellte dies ganz selbstverständlich als ihre Palette dar, die sie auf einem ihrer Bilder als ein quer durchschnittenes Herz in der Hand hält (GW 124: Selbstbildnis mit Bildnis Dr. Farill).
Damit ist ein Basisthema ihrer Kunst genannt, nämlich Leiden, Vergänglichkeit, Todesnähe. Ein weiteres Thema beschäftigt sich mit den Einschnitten, die Diegos außereheliche Liebschaften darstellten, von denen die mit ihrer Schwester Christina zur Scheidung führte. Die Trennung dauerte jedoch nur ein Jahr, danach verheiratete sich das Paar wieder. Der unerfüllte Kinderwunsch und die Verluste ihrer ungeborener Kinder durch Fehlgeburten betreffen ein weiteres wichtiges Thema ihrer Malerei. Diese Leidenserfahrungen werden aber nur in ganz seltenen Fällen (z.B. GW 35, 42, 101, 110, 119) allein dargestellt, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle wird ihnen das Helle, Schöne, Farbenfrohe und ein leidenschaftliches Ja zum Leben an die Seite gestellt. Dieses Ja gründet in Frida Kahlos Erfahrung und Sehnsucht.
Im Bild Die Liebesumarmung des Universums, die Erde (Mexiko), ich, Diego und Herr Xolotl (GW 163) zeigen sich die Polaritäten auf dem Hintergrund der mexikanischen Mythologie im versöhnlichen Zusammenspiel einer Gegensatzvereinigung. Frida, an der zerschundenen Brust von Mutter Erde und von ihr gehalten, weint, drückt ihren Schmerz aus, der sich physisch in Wunden auf ihrer eigenen Brust ausdrückt. Sie hält Diego wie ein Kind in ihren Armen. Die Beziehung zu Diego war am tiefsten und haltbarsten, wenn sie in ihm das Kind in all seinen Facetten sah, bis hin zum göttlichen Kind, was durch das dritte Weisheitsauge und das schöpferische Feuer, das er in der Hand hält, unterstrichen wird. Auf dem Arm der dunklen Gottheit liegt der Hund Xolotl. Es ist der Hund Fridas und gleichzeitig der haarlose prähispanischer Rassehund Itzcuintlis, der als schwarzer Totenhund der altmexikanischen Mythologie die Menschen ins Jenseits führt. Umrahmt sind die Figuren von der üppigen Fauna Mexikos, welche die zyklische Erneuerung der Erde unterstreicht. Die sich im Frieden haltenden Hände gehören zu den beiden Gottheiten, welche die altmexikanische Mythologie prägen: die Gottheit der Nacht und die Gottheit des Lichts, symbolisiert durch Mond und Sonne. Sie sind in einem ewigen Krieg begriffen und garantieren aber gerade dadurch das Gleichgewicht der Welt.
Die Bildkomposition verdeutlicht einen Ausgleich zwischen den beiden Prinzipien und Seinserfahrungen. Der Mensch ruht im Schoß der Erde. Die beiden kosmischen Prinzipien, die Gottheit der Nacht und die Gottheit des Tages mit ihren Gestirnen - Sonne und Mond - haben sich zusammengeschlossen und umfassen die Natur und die ganze Schöpfung in einer Liebesumarmung. Das Bild kann als Fridas Vermächtnis verstanden werden, wonach es zur existenziellen Grunderfahrung gehört, dass Freud und Leid, Tod und Leben zusammengehören. Diese Wahrheit hat Frida bis zur Neige erfahren und durchlitten. Es ist das ewig menschliche Thema, das hinter Dasein und Geschichte steht und Mythologien und Religionen und die private Vereinzelung eines jeden Menschen prägt. Diese Polarität zu bestehen und nicht daran zu zerbrechen macht Frida Kahlos Leben aus und stellt die tiefste Botschaft der Künstlerin dar.
Fridas Leben war ein gezeichnetes. Es stellt sich die Frage, welche Mittel - neben der Einbettung in archetypische Kontexte - sie entwickelte und nutzbar machte, um an der Dynamik der Gegensätze nicht zu zerbrechen und die zahlreichen körperlichen und seelischen Traumen zu überleben.
Ein Trauma ist ein Ereignis, welches die menschliche Norm der Erträglichkeit übersteigt; es ist ein seelisches und biologisches Geschehen zugleich, das tiefe Spuren hinterlässt. Bei Frida kommen noch körperliche Folgen hinzu, die sie lebenslänglich behindern. Ein Trauma ist außerdem ein tiefer Einschnitt ins Leben; der Lebensfaden reißt, die Kontinuität macht dem Erleben der Diskontinuität Platz. Und schließlich ist ein Trauma eine Grenzerfahrung, bedeutet Todesnähe, macht das Leben weitgehend nur noch fragmentiert wahrnehmbar. Es führt die Seele in dunkles Erleben, überwältigendes und schmerzliches Erinnern und macht alle Zukunftsperspektive zunichte.
Was macht nun Frida Kahlo? Dem Dunkel und der Vernichtungserfahrung, den quälenden, obsessiven Todesgedanken stellt sie lichte, helle, schöne Bilder - meistens im gleichen Gemälde - zur Seite, balanciert sie aus, um das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod zu halten. Weder verdrängt noch verleugnet sie das Leiden.
Sie skizziert ihr Bildvorhaben und unterteilt dann Leinwand oder Papier in Quadrate , diese malt sie eines nach dem anderen sorgfältig aus, als ob sie sich damit ein Netz schaffen wollte, das die abgründigen und bodenlosen Erfahrungen kompensiert.
Sie malt mit kleinen, genauen Pinselstrichen. Setzt einen neben den anderen. Wer traumatisiert ist, kann nur in kleinen Schritten vorwärts gehen, die Impulse sind kurz. Frida passt sich an.
Auffallend und unübersehbar sind in Fridas Bildern die Schleifen, Bänder, Schnüre, Blutadern und Wurzeln. Sie verbinden Gegenstände und Figuren, sind in ihre Haartracht geknüpft, schlingen sich um ihren Hals und verknüpfen sich mit ihrem im Bild gemalten Namenszug, mit Tieren wie Katze und Affe, fügen Gegenwart und Geschichte, die eigene und die ihres Volkes zusammen, verbinden mit der Erde und bilden ihren Stammbaum, dessen Bänder sie, Frida, als Kind in den Händen hält. Auch das weist deutlich darauf hin, dass die Bänder wieder Blutsbande und Verbindungen schaffen, bildlich die Diskontinuität aufheben und somit den Sinn für Kontinuität stärken. Selbst das Bild größter und leidvollster Auflösung ihres Körpers setzt sie in das haltende Band des Kreises, der das Auseinanderfallende zusammenhält, das Chaos zentriert, sodass man es ruhig als ein Mandala des Leidens auffassen kann.
Frida kommuniziert mittels ihrer Bilder. Figuren und Bildgegenstände sind zentral angeordnet und schieben sich dem Betrachter entgegen. Es ist, als wolle sie vermitteln: Sieh mich und mein Leben an, habe Mut; nimm an, vergiss nicht: Beides gehört zum Leben. Sie wagt es, sich dem Gegenüber zuzumuten, sie drückt malend aus, was sonst verschwiegen und verdeckt wird. In diesem Sinne ist sie schamlos herausfordernd, zwingt zur Reflexion und macht betroffen.
Malend drückte Frida ihre neu gefundene Identität aus, die unvergängliche Weisheit ihrer Erfahrung. Gemeinhin interessiert man sich für ihr verrücktes Leben, sie selbst liebte Legenden und Mythenbildungen über sich. Wesentlich ist indes, dass Frida sich auf der Leinwand neu kreierte, den neuen Menschen schuf, der die Gegensätze aushält, vereint, der weder göttlich noch teuflisch, sondern Mensch ist, aufgespannt in die Polaritäten. Ihr reales Leben war dramatisch, voller egomanischer Selbstdarstellung, widersprüchlich, zeigte Lebenslust und Exzesse. Auf der Leinwand erscheint die unvergängliche Frida, ihre Botschaft, ihre neue Identität - in Ernst, in Würde und mit einer tiefen (spirituellen) Botschaft, die auf einem Gottesbild basiert, das hell und dunkel miteinander vereint.
Fridas Botschaft geht uns alle an, die wir am Leben leiden und die wir uns nach Eindeutigkeit im Guten, im Schönen, im Frieden und in der Liebe sehnen. Weder das Helle noch das Dunkle ist ein für allemal und nur ganz so. Das, was sich nicht mehr heilen lässt, wie Fridas Körper, ist wie es ist; das Unwiederbringliche ist unwiederbringlich. Aber es verändert uns, zwingt zu anderen Wegen und neuen Erfahrungen. Dass das Leben nicht aufgeht, wissen wir zwar, aber wir haben immer wieder Mühe, das wirklich zu akzeptieren und das Rätsel des Daseins und das uns bewirkende Mysterium anzuerkennen.
Frida Kahlo ist diesen Weg gegangen und hat ihn in ihrer tiefernsten Kunst sichtbar gemacht und vermittelt. Sie hat, um es in aktueller psychologisch-therapeutischer Terminologie zu sagen, ihre Resilienz benutzt und auf Salutogenese gesetzt. Sie hat - Jahrzehnte vor der modernen Hirnforschung, welche uns ein neues Verständnis von Trauma und Traumabewältigung ermöglicht, gewusst, dass es nötig ist, neben das Dunkle und Destruktive Tag für Tag - in Fridas Fall Pinselstrich für Pinselstrich - das Helle zu stellen, es zu denken, anzurufen, zu gestalten, damit es immer ein bisschen mehr werde. Das ist eine zutiefst religiöse Ausrichtung, von der Menschen - vor allem in ihren Gebeten - seit jeher wussten.
In ihren Bildern und in ihrer bildnerisch erschaffenen Identität auf dem Hintergrund eines sich mehr und mehr auflösenden Körper-Selbsts, worüber sie im Tagebuch sagte: Yo soy la desintegration , ist Frida eine aus Wasser und Geist (Joh.3,5) zweimal Geborene und hat eine Verbindung zum Unvergänglichen gefunden und es künstlerisch vermittelt.
Das Bild Meine Geburt (GW 37) ist eine Verarbeitung der eigenen Kinderlosigkeit, der Behinderung durch Polio und Unfall mit den Folgen des emotionalen und realen Schmerzes und des Todes der Mutter. Auf dem Bild ist das Bett erkennbar, auf welchem die bereits tote Mutter - das Leichentuch weist auf deren Tod hin - Frida als Erwachsene gebiert. Der Bildinhalt schiebt sich dem Betrachter entgegen, er kann nicht ausweichen: Diese Wahrheit ist zur Kenntnis zu nehmen. Was im Bild ausgedrückt ist, ist in Worte nicht fassbar: Die Bandschleife am unteren Rand des Bildes bleibt leer, ohne Worte!
Was sich hier ausdrückt ist das stumm machende Erleben Fridas, ein unbarmherziges Schicksal zu erleiden. Um dieses zu bestehen, muss man schon im erwachsenen Alter ein zweites Mal geboren werden, muss man das Leben dem Tod und der tödlichen Erfahrung abtrotzen. Die ganze Szene findet statt unter dem Bild der Schmerzensmutter, der mater dolorosa, von dem bekannt ist, dass es hinter dem Bett von Fridas Mutter hing. Somit weist der Bildinhalt weit über Frida und ihre persönliche Mutter hinaus: es ist Mutter Natur in ihrem Schicksalsaspekt, die sie behindert machte, es ist die Todesmutter, welche Fridas Leben mitgestaltete - Aspekte des Mutterarchetyps, welche durch die Schmerzensmutter versinnbildlicht werden.
Das Portrait Dona Rosita Morillo Safa 1944 (GW 97) ist über die persönliche Bedeutung hinaus ein Mutterbild. Die alte Frau strickt in ruhiger Gelassenheit. Der vielmals zerschnittene Lebensfaden in Fridas Dasein wird in diesem Bildnis Kontinuität, Lebensmuster. Die weißhaarige Frau mit den klugen Augen beeindruckt als moderne Schicksalsgöttin. Das Schicksal wird in den Mythologien von weiblichen Gottheiten repräsentiert, den Nornen in der germanischen Mythologie und den Parzen in der griechischen Mythologie. Alle haben sie mit dem Faden zu tun, dem Schicksalsfaden, den sie spinnen und weben und schließlich entzwei schneiden. In diesem Bild begegnet uns eine Schicksalsfrau, die Kontinuität schafft, indem sie Fäden verbindet und das ruhige Vertrauen ins Leben auszudrücken scheint.
Die Künstlerin Frida Kahlo hat einen Weg gefunden, mit Traumen umzugehen, der sich weitgehend mit den Empfehlungen der aktuellen Traumatherapie deckt. Dies bedeutet indes nicht, dass ihre Kunst damit erklärt ist und auch nicht, dass ihr bildnerisches Ausdrucksmittel auf Selbsttherapie reduziert werden kann. Die Auseinandersetzung mit der schwer behinderten Künstlerin bedeutet auch einen Beitrag zu den kulturellen disability studies, deren zentraler Gedanke mit dem Ansatz der Jung'schen Psychologie kongruent ist und folgendermaßen lautet:
Statt wie bisher nur beforschtes Objekt zu sein, werden behinderte Menschen im Zusammenhang mit den Disability Studies zum Subjekt von Wissenschaft. Ihre Erfahrungen, Erlebnisse und Meinungen stehen im Mittelpunkt.
Dr. phil. Kathrin Asper, dipl. analyt. Psych, SGAP, SPV, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin, Dozentin, Lehranalytikerin und Supervisorin SGAP/ISAP, Buchautorin. In eigener Praxis in Meilen bei Zürich tätig.
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